Sonntag, 25. Oktober 2015

Nähen für Fortgeschrittene - Der Petticoat: Now and Then

Der Petticoat, zu deutsch in den 50ern und 60ern auch Wipprock genannt, ist heute quasi synonym für "den" Rock der 50er Jahre. Eigentlich ist der Petticoat aber ein Unterrock und die weit schwingenden Röcke und Kleider, unter denen ein Petticoat getragen werden konnte, aber noch lange nicht musste, waren nur eine Variante einer Vielzahl von Rockformen in den 50er und frühen 60er Jahren. Denn bis hinein in die frühen 60er Jahre geht die Petticoat-Mode, die bereits 1947 mit dem New-Look von Christian Dior entstand. Dennoch waren Petticoat-Kleider und -Röcke nicht die gängige Alltagskleidung, sondern eher die Ausnahme für besondere Anlässe: Petticoats kamen überwiegend unter Nachmittags-, Cocktail- und Abendkleidern zum Einsatz, also für formale und semiformale Anlässe.

Wer heutzutage einen Petticoat kaufen möchte - selbst wenn er das bei namhaften Vintage-Bekleidungsgeschäften vor hat - bekommt ein riesiges multilagiges Tüllungetüm, das sich beim Tragen spätestens nach dem zweiten Schritt als riesiger Tüllknödel zwischen den Beinen sammelt und in Summe einfach nur unpraktisch und unbequem ist. Außerdem sind die heutigen Petticoats, neben der Alltagsuntauglichkeit  auch noch zu kurz für 50er Jahre Looks und zu lang für die frühen 60er. Die heute erhältlichen Längen passen dafür super in die 80er Jahre, das ist aber zumindest nicht mein Styling-Ziel.

Eigentlich - im Original der 50er und frühen 60er Jahre, war der Petticoat ein Unterrock aus Perlon oder gestärkter Baumwolle, der gefältelt genäht war und oft zusätzlich mit Spitzenvolants besetzt war, was für zusätzliches Volumen sorgte, aber definitiv tragbar war. Petticoats waren - nebst zugehöriger Röcke zunächst wadenlang, wurden Ende der 50er kürzer und reichten nur noch bis knapp über das Knie. In dieser Länge blieben sie auch noch in den frühen 60ern erhalten. Was damals aber gar nicht ging - und auch heute noch sehr seltsam aussieht - war ein beliebig vorhängender Unterrocksaum. Zwar galt ein vorhängender Petticoatsaum in der Halbstarkenszene der 50er Jahre als Ausdruck der Revolte, wer allerdings dem Halbstarkenalter entwachsen ist, die 20 also überschritten hat, wirkt damit auch heute noch schnell seltsam. Eine einzige Ausnahme gibt es allerdings: es gab auch in den 50ern Petticoats, die so gemacht waren, dass sie unter dem Rock leicht vorstehen sollten, also einen besonders schönen Abschluss gearbeitet hatten, der sollte natürich sehr bewusst rausschauen.
Grundsätzlich galt ein vorhängender Petticoat aber damals als schlampig und sieht auch heute noch so aus. Klar durfte ein Unterrocksaum trotzdem mal blitzen, quasi als kleine erotische Geste, aber eben nicht permanent vorhängen. Um den Wirkfaktor etwas in die heutige Zeit zu übertragen: ein vorhängender Unterrocksaum in den 50ern ist zu vergleichen mit dem permanent sichtbaren String über der Hose in der heutigen Zeit, also nicht "sexy" sondern "billig".

Abbildung aus der Burda Juni 1956
Fotograf und Model unbekannt,
daher nur eine geduldete,
keine freigegebene Veröffentlichung
Viele Frauen aus der Vintage-Szene mögen keine Petticoats, ich würde aber die steile Behauptung wagen, dass das nur daran liegt, dass es keine vernünftigen, den eigentlichen Originalen nachempfundenen Petticoats zu kaufen gibt, sondern eben nur diesen Faschings- und Tanzsportkram, den der Szenenachwuchs gerne trägt, der schlicht ziemlich seltsam aussieht. Ich persönlich mag den Petticoatlook der 50er und 60er Jahre, finde die kaufbaren Petticoats aber echt gruselig. Daher möchte ich euch die nächsten Wochen Schritt für Schritt zeigen, wie man einen Petticoat näht und zwar anhand eines Originalschnitts aus dem Jahr 1956. Der Schnitt erschien in der Burda aus dem Juni 1956 und wie ihr auf dem nebenstehenden Foto bereits erkennen könnt: die damaligen Petticoats sehen komplett anders aus als der Tüllkram von heute, mit dem man beim besten Willen nicht den Originallook hinbekommt.

Ich möchte das zum Anlass nehmen, um euch zunächst einen kleinen Einstieg zum Nachnähen von Vintageschnitten zu geben, außerdem geht mein Grundkurs nähen nun in die Fortsetzung, in Form eines Fortgeschrittenenenkurses, in dem ich euch ein paar mehr nützliche Dinge zeige, die ihr für aufwendigere Näharbeiten, insbesondere aber auch für das Nähen von Kleidung, benötigt.

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